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Interview mit Christian Jasperneite, Privatbank Warburg

Warburg Navigator rät: "Nicht gleich alle Schotten hochfahren"

von Kerstin Weinzierl, biallo.de
Chefanlagestratege der Warburg Privatbank Christian Jasperneite im Gespräch darüber, wohin die Weltwirtschaft gerade rudert. Wie stressresistent Warburg Navigator ist und wie sich der Robo-Advisor im Corona-Crash schlägt.
Ein Grippevirus bringt die Welt ins Wanken. Auch die Kapitalmärkte reagieren heftig und Anleger bangen um ihr Geld. Manch einer glaubt sich sicher und schichtet von Aktien in Anleihen um. Aber ist das die richtige Entscheidung? Auch Robo-Advisor wie Warburg Navigator stemmen sich gegen die Corona-Krise und müssen sich behaupten.

Dr. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer bei der Hamburger Privatbank M.M.Warburg & CO, lässt im Gespräch mit biallo.de die turbulenten vergangenen Wochen Revue passieren und sieht am Horizont den "Zeitpunkt, wo sich sogar eine Riesenchance für Investoren ergibt".

Herr Dr. Jasperneite, am Thema Corona kommt niemand mehr vorbei. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?


Dr. Christian Jasperneite: Privat auf eine gewisse Art entspannt, weil man zum ersten Mal ganz bewusst das Home-Office erlebt. Aber auch nicht nur entspannt, weil man Kinder zu Hause hat, die nicht in die Schule oder Kita können und die man mit Schularbeiten versorgen und neben dem Job unterstützen muss. Bisher funktioniert das alles aber sehr gut.

Beruflich brachten die vergangenen Tage eine ganz neue Erfahrung. Denn sehr viele Kollegen sind derzeit im Home-Office tätig, was bei einem digitalen Produkt ohne weiteres möglich ist. Das ist auch ein großer Vorteil im Umfeld von Robo-Advice, da wir erstmalig über alle Prozesse hinweg sehen können, wie stressresistent unser digitales Angebot in Krisensituationen ist.

Ich habe sogar das Gefühl, dass wir uns geradezu beweisen möchten, dass wir dieser Tage besonders produktiv sein können. Ich sehe da außergewöhnlich viel Elan bei den Kolleginnen und Kollegen nach der Devise "immer weiter machen". Allerdings weiß ich nicht, ob wir das viele Wochen so aufrechterhalten können. Aber im Moment kann ich sagen, dass der Laden läuft und es gibt nichts Negatives zu vermelden.

Aber neben der privaten und beruflichen gibt es ja auch noch die volkswirtschaftliche Ebene? Da läuft es momentan weniger rund.


Jasperneite: Da sehe ich die Lage deutlich weniger entspannt. Wir machen uns hier schon Sorgen, da wir in den nächsten Wochen in eine veritable Krise rutschen, die zum Teil am Kapitalmarkt schon eingepreist wurde.

Jedoch glaube ich, dass viele Personen, auch Profis und Marktteilnehmer sowie einzelne Politiker den Ernst der Lage immer noch nicht ganz verstanden haben. Denn das Coronavirus konfrontiert uns in seinen Auswirkungen mit exponentiellen Prozessen, die in unterschiedlichen Phasen erst sehr schleichend zu beobachten sind und dann aus dem Nichts explodieren. Das ist uns im "normalen" Leben fremd, weil wir es grundsätzlich mit linearen Prozessen zu tun haben und dafür hat der Mensch eine Intuition, eine Art sechsten Sinn.

Aber selbst Experten haben immer noch kein Gefühl dafür, was in China, Iran und in Italien geschehen ist und was uns in Deutschland, aber vor allem in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA, noch bevorsteht. Insbesondere auch, was das global und in Summe wirtschaftlich bedeutet, wenn überall hintereinander quasi Shutdowns stattfinden. Das ist für den Einzelnen ganz schwer vorstellbar.

Am besten ist das erkennbar, wenn man sich ökonomische Analystenschätzungen und allgemeine Gewinnprognosen für das erste und zweite Quartal 2020 anschaut. Ich persönlich frage mich da: Schlafen die alle? Da passiert in den Revisionen annähernd nichts. Wenn ich die Verantwortlichen dann frage, was sie da überhaupt treiben, dann erhält man Antworten wie beispielsweise "das Unternehmen gibt mir hierzu keinerlei Orientierungshilfe".

Bloß auch ohne Orientierungshilfe kann man deutlich sehen, dass alles Mögliche zusammenbricht. Dieser fehlende Realismus ist der Grund, warum die Kurs-Gewinn-Verhältnisse vermeintlich noch relativ attraktiv ausschauen. Jedoch sind diese keineswegs attraktiv, weil die Gewinne schon längst dramatisch nach unten revidiert werden müssten.

Das erinnert mich ein bisschen an die Krise im Jahr 2008. Auch da wurden die Schätzungen lange nicht korrigiert. Erst nach der Lehman-Pleite fanden einschneidende Revisionen statt und auf einmal waren die Ausverkaufskurse gar keine Schnäppchen mehr, sondern ein weltweiter Flächenbrand. In diesem Prozess befinden wir uns gerade und das allein ist Argument genug, nicht zu früh Aktienquoten aufzustocken.

Hängt diese unterschiedliche Wahrnehmung damit zusammen, dass Deutschland nicht nur volkwirtschaftlich für eine Krise gut gewappnet ist? Gemeinsam mit Ihrem Chefvolkswirt Carsten Klude veranschaulichen sie das in Ihren Kapitalmarktanalysen sehr deutlich.


Jasperneite:
Deutschland ist im Vergleich mit manch anderen Ländern auf der Welt sehr gut aufgestellt. Wir haben vor allem ein Gesundheitssystem, was bezüglich der intensiv-medizinischen Betreuung eines der besten weltweit ist. Nur wenige Länder können, in Relation mit der Bevölkerungsgröße, mit mehr Intensivbetten aufwarten.

Man muss auch sagen, dass wir in Deutschland noch nicht so viele Corona-Fallzahlen haben. Dabei darf man aber nicht die relativ hohe Dunkelziffer ausblenden – die in anderen Ländern noch viel höher ist. Dort sollte man nicht mit einem Faktor drei oder vier, sondern eher mit einem Faktor zehn oder höher die tatsächliche Infektionszahl errechnen.
Berücksichtigt man diese fatale Dunkelziffer der nicht erfassten und nicht getesteten Corona-Kranken, dann ist es nicht verwunderlich, dass Gesundheitssysteme an ihre Grenzen kommen und die Sterberate sprunghaft steigt. So ist es auch wenig überraschend, dass unsere Regierung alles daransetzt, den Infektionsverlauf zeitlich so zu strecken, um eine intensivmedizinische Betreuung der Patienten zu ermöglichen und einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Wir haben also einen Staat, der richtig Gas geben kann. Es gibt schließlich nur wenige Volkswirtschaften auf der Welt, die zum Meistern einer solchen Krise auf derart gute Ressourcen zurückgreifen kann. In Summe verfügen wir, wie bereits erwähnt, über ein belastbares Gesundheitssystem, über ein extrem leistungsfähiges Sozialsystem und eine starke Wirtschaft mit überdurchschnittlich hohen Cash-Reserven. Nicht zuletzt eröffnet unsere sparsame Haushaltspolitik einen enormen Handlungsspielraum für staatliche Maßnahmen. Zudem haben wir den Eindruck, dass die Politik trotz der föderalen Strukturen bisher ihre Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt getroffen hat.

Wenn man jedoch die weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Auswirkungen betrachtet, dann muss ich aus meiner persönlichen Sicht ganz klar sagen, dass diese Problematik im Moment noch massiv unterschätzt wird. Das gilt übrigens auch für Länder der Dritten Welt.

Wohl aber nicht an den Aktienmärkten, die mehr denn je durchgeschüttelt werden. Nicht nur von der Mailander Börse verbreiten sich die größten Schockwellen. Wie gehen Ihre Kunden damit um?

Jasperneite: Die Kunden richten sich natürlich entsprechend besorgt direkt an uns, ob telefonisch oder per E-Mail. Aber wir können keinerlei panischen Aktionismus feststellen. Im Gegenteil: Wir sehen bei unseren Kunden ein sehr vernünftiges Verhalten. Es gibt einige Kunden, die ihre Vermögensverwaltung sogar aufstocken und die Situation als Chance mit langfristigem Blick sehen. Diese Denke freut uns sehr, weil die Gelegenheit nachzulegen aktuell in der Tat sehr lukrativ ist. Trotzdem empfehlen wir auch, frische Gelder nicht zwingend in eine hohe Aktienquote zu allokieren. Das ist schließlich unser Job, Kunden dahingehend zu beraten, mit der Situation vorsichtig umzugehen und nicht gleich alle Schotten kopflos hochzufahren.

Da werden Ihre defensiven Strategien des Warburg Navigators auf jeden Fall profitieren?


Jasperneite: Das ist richtig. Wobei das in diesen Tagen nicht verallgemeinert werden kann. Derzeit haben unsere Asset-Manager damit zu kämpfen, dass defensive Ausrichtungen auch nicht mehr wirklich gut funktionieren. Das wird einem klar, wenn man sich aktuell die einzelnen Staatsanleihen in Europa anschaut. Selbst Bundesanleihen entwickeln sich an Tagen wie am "schwarzen Montag" eher schlecht, das ist in solch einer Situation sehr untypisch für Staatsanleihen bester Qualität.

Sowohl die beiden Notfall-Zinssenkungen der Federal Reserve (Fed) als auch die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) sind an den Märkten zunächst vollkommen atypisch und nahezu wirkungslos verpufft. Spätestens an dieser Stelle werden wir gefragt, ob in dieser Gemengelage die Notenbanken ihr Pulver bereits verschossen hätten. Wir denken dazu, dass es noch viele Notprogramme gibt, die in den Schubladen liegen und schnell aktiviert werden können. Außerdem macht Not bekanntlich erfinderisch. Vielleicht beginnt die EZB bald mit dem Kauf von Aktien − wer weiß.

Digitalisierung, Internet of Things, 5G etc. – hätten Sie noch im Februar gedacht, dass ein Virus den kompletten Kapitalmarkt ins Wanken bringen wird?


Jasperneite: Wenn unser Chefvolkswirt Carsten Klude mir vor sechs Wochen vorausgesagt hätte, dass sich der Aktienmarkt wegen eines Grippevirus genauso wie in den letzten Wochen verhalten wird und die Notenbanken entsprechend reagieren werden, dann hätte ich 1.000 Euro darauf gewettet, dass Anleger sich zumindest mit Bundesanleihen in einem sicheren Rendite-Hafen befinden könnten. Aber das passiert nicht! Das bedeutet, dass die sicheren Häfen gar nicht mehr so sicher sind. Und weiter: Schaut man sich Unternehmensanleihen an, die nicht mehr die allerbeste Bonität haben, dann wird es schon ganz schön nebelig und wellig.

Ähnlich gefragt ist als Krisenwährung bekanntlich Gold. Aber auch der Goldpreis entwickelt sich nicht wirklich befriedigend. Die Gründe dafür können vielfältig sein und beispielsweise auf Zwangsverkäufen am Markt basieren. Tendenziell orientiert sich der Goldpreis jedoch an großen Inflationserwartungen und wenn eine deflationäre Situation herrscht, dann benötigt man nicht zwingend Gold.

Gerade laufen wir in eine solche deflationäre Marktphase und gleichzeitig müssen die Staaten in den nächsten Monaten ihre Anleihen emittieren, um Notprogramme finanzieren zu können. Darunter leiden dann Bundesanleihen und Italien mit seinen Anleihen noch viel mehr. Parallel bringen die drastischen Gewinnverluste viele Aktien in den freien Fall. Da bleibt wenig Raum für anderweitige Szenarien. Es wird vermutlich auch noch eine gewisse Zeit dauern, bevor man das Ausmaß der Krise überblicken und Schlüsse daraus ziehen kann. Bis dahin bleibt die Lage vorerst fragil.

Was bedeutet das für Ihre aktuelle Anlageempfehlung genau?


Jasperneite: Das bedeutet, dass wir in den letzten Wochen kontinuierlich die Aktienquote reduziert haben. Dabei behalten wir auch die Anleihenmärkte genau im Blick. Da die Kursauschläge im Moment extrem sind, halten wir zudem Nichts von radikalen Veränderungen in der Allokationsstruktur. Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich Märkte stabilisieren. Zudem ist nicht auszuschließen, dass in Kürze erste Wirkstoffe getestet werden können. All das spricht dafür, jetzt nicht komplett die Nerven zu verlieren.
Es kommt in den kommenden Monaten auch der Zeitpunkt, wo sich sogar eine Riesenchance für Investoren ergibt. Schließlich geht die Welt nicht unter. Aber wie gesagt, im Moment traue ich der Lage noch nicht.

Mit Warburg Navigator lassen Sie im Normalfall das Marktrisiko über den sogenannten Value-at-Risk (VaR) in die jeweilige Anlageentscheidung mit einfließen. Können Sie dem Laien bitte kurz erklären, was es mit dem VaR genau auf sich hat?

Jasperneite: Der VaR ist eine Kennzahl, wie stark ein Portfolio über einen definierten Zeitraum in einem extremen Szenario mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit an Wert verlieren kann. Das ist aber nicht der einzige Faktor, den wir für eine Portfolio-Optimierung berücksichtigen. Denn nirgendwo auf der Welt gibt es eine Methode oder Möglichkeit, die abschätzen kann, wie sich Volatilitäten binnen kürzester Zeit tatsächlich entwickeln. Das muss man sich so vorstellen: Eine VaR-Betrachtung ist immer auch ein Blick in den Rückspiegel und dafür braucht man eine Datenbasis aus der Vergangenheit, die in die Zukunft interpoliert werden kann.

Im Moment haben wir eine Entwicklung an den Märkten, die viel zu schnell stattgefunden hat, so dass eine reine VaR-Steuerung eher zu träge funktioniert. Das heißt, dass man in bestimmten und vor allem schnelllebigen Situationen immer auch selbst mitdenken sowie proaktiv handeln muss und nicht nur allein nach dem VaR entscheiden darf.

Einen Sparplan gibt es bei Warburg Navigator nicht. Denken Sie nicht, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, mit einem Sparplan neue Kunden zu gewinnen?

Jasperneite: Generell kann Warburg Navigator auch als Sparplan genutzt werden. Über eine Dauerüberweisung sind Erhöhungen ab einem Betrag von 200 Euro möglich. Systemtechnisch werden wir aber in Kürze ein spezielles Sparplan-Angebot auf den Markt bringen, welches wir in ein paar Wochen auch vermarkten werden. In diesem Zusammenhang sind wir auch am Thema "Kinderdepots" dran.

Im Vergleich mit dem Wettbewerb fällt auf, dass Warburg Navigator eine relativ hohe Einstiegshürde in Höhe von 20.000 Euro hat. Was sind die Gründe hierfür?

Jasperneite: Zum einen war es ein kalkulatorischer Treiber. Denn zum Start unseres Angebots hatten wir das Gefühl, dass eine niedrige Mindestanlage von zum Beispiel 5.000 Euro unsere Fixkosten nicht abdecken könnte. Zum anderen wollten wir auch ganz bewusst nicht mit Robo-Advisorn mit niedriger Mindestanlage in Konkurrenz treten. Davon wollten wir uns als Privatbank bewusst distanzieren, da wir mit Geldanlagen ab 20.000 Euro granularere und besonders gut diversifizierte Portfolios anbieten können. Aber ein Fakt ist auch, dass unsere meisten Kunden viel mehr mitbringen als 20.000 Euro. Das spricht dafür, dass wir unseren Zielmarkt gefunden haben.

Obendrein ist meine persönliche Empfehlung: Wer heute 5.000 Euro oder gar nur 3.000 Euro beiseitelegen kann, der sollte dieses Geld, um flexibel bleiben zu können, besser als Reserve auf einem Tagesgeldkonto haben. Aber das ist eine Philosophiefrage.

Herr Dr. Jasperneite, herzlichen Dank für das Gespräch.
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